warum ich fotografiere

Mir hat ein alter Freund vor langer Zeit ein Buch über Leonidov geschenkt. Vorn in dem Buch steht eine Widmung: „Für einen Gratwanderer". 
Seit ich fotografiere und das ist jetzt schon eine lange Zeit, suche ich. Anfangs fand ich meine Themen in der Architektur. Ich war fasziniert von Städten und Gebäuden. Ich erinnere mich noch, wie ich mit einer kleinen Rollei durch New York streifte und in "Lomomanier" aus der Hüfte Bilder von Menschen im städtischen Raum fotografierte. Die leise kleine Kamera ermöglichte es mir, sehr nah an Personen heranzukommen, ohne dass mein Fotografieren bemerkt wurde. Ich nannte das Projekt „New York horizontal".

Einige Jahre später war ich mit Uwe Pieper in Altea, einem Ort an der Costa Blanca in Spanien. Ich half ihm damals öfter bei der Renovierung seines Hauses. Ich hatte mein Fahrrad dabei und fuhr in die Berge und umliegenden Orte. Einmal auch nach Benidorm, die nächst gelegene Küstenstadt Richtung Süden. Schon Jahre vorher übte diese Großstadt am Mittelmeer einen eigenartigen Reiz auf mich aus. Dicht an dicht stehen Hochhäuser eng gestaffelt, ausgehend von einem kleinen Ortskern an zwei leicht geschwungenen Sandstrandküsten. Auf dem ersten Blick wie eine normale amerikanische Großstadt mit Bürotürmen und Appartementhochhäusern. Schaut man aber auf die Menschen, die sich hier bewegen, so bemerkt man schnell, dass hier alles ganz anders ist. In den Straßen bewegen sich fast ausschließlich Urlauber in Sonnentops oder nacktem Oberkörper. Morgens Richtung Strand und abends sonnenverbrannt wieder in die Hotels und Appartements. Überall Souvenirläden, Boutiquen und Bars. Es wird schon vormittags zu Alleinunterhaltermusik getanzt. Bei näherem Hinsehen fallen einem auch die Besonderheiten der Gebäude auf. Die Fassaden sind nicht glatt und strukturiert wie bei Bürohochhäusern. Keine übergestülpten Klimahäute oder repetitorisch strukturierte Lochfassaden. Hier sind die Gebäude zum Meer hin ausgerichtet und oft bis in den 30. Stock Balkone und Loggien ausgestülpt. Ich fotografierte die Gebäude und versuchte dabei, die Erdgeschosszonen auszublenden um die Eigenständigkeit dieser extrem verdichteten Urlaubsarchitektur hervorheben. Für mehrere Ausstellungen habe ich die Fotografien in Schwarzweiß auf Folien belichten lassen. Durch Hinterlegen von silbern beschichtetem Karton und die Verwendung von schwarzen Passepartouts entstand eine düstere und oft bedrohliche Atmossphäre. Die Bilder vermittelten einen Eindruck von Verlassenheit. Einzelne auftauchende Personen verstärkten noch diesen Eindruck.

1997 fotografierte ich während des Abrisses der Waldrichhallen, die schon vom Ziegelgefache befreite Fassade einer alten Stahlhalle. Da ich die Szene nicht mit einer Aufnahme erfassen konnte machte ich mehrere Einzelaufnahmen mit dem Ziel, diese im Computer wieder zu einem Bild zusammenzusetzen. Das Ergebnis war im Grunde eine fotografische Architekturansicht eines temporären Zustandes.
 Dieses Bild war der Auslöser für meine später realisierte Serie „Rückführung", in der ich Fassaden von Siegerländer Industriehallen fotografierte. Die oft im engen städtischen Umfeld stehenden Gebäude waren mit normalen fotografischen Möglichkeiten nicht zu erfassen. Deshalb schritt ich wie zuvor bei den Waldrichhallen die Fassaden mit der Kamera ab und machte bis zu 25 Einzelaufnahmen von der gegenüber liegenden Straßenseite aus. 
Die fertig montierten Ansichten ermöglichen dem Betrachter einen neuen Blick auf die Eigenheiten der Gebäude. Die Fotografie ersetzt die vom Architekten gezeichnete Ansicht und stellt das Gebäude in den wahren Längen und Höhen dar. Im Unterschied zur Zeichnung sind die „Zeitspuren" sichtbar. Blechfassaden sind eingedellt, Farbe ist abgeblättert, Glasbausteine sind zersplittert oder Mauerwerk ist ausgebessert. Im Gegensatz zu den Gebäudetypologien der Bechers, welche immer bei diffusem Licht aufgenommen wurden, fotografierte ich meistens bei extremen Streiflicht, um die Plastizität der Fassaden hervorzuheben.
 Einige Jahre später wandte ich diese Technik auch auf innerstädtische Straßenzüge in Porto an. Hier bezog ich die Zeit, die ich für das Abschreiten benötigte, mit in Arbeit ein. So betitelte ich die Fotografien nach den Straßennamen und ergänzte diese mit der Zeitspanne, die ich für das Aufnehmen benötigte, z.B. “Porto, Rua Campagna de Estaciao  08.10.2006 12.07 h - 12.14 h". Die Straßenansicht bildet also eine Zeitspanne von 7 Minuten ab.    

Ein langsamer Spaziergang mit meiner Freundin und meinen Eltern an einem nassen Herbsttag am Rabenhain in Siegen war mein Einstieg in eine neue Welt. Es ist manchmal die Geschwindigkeit mit der man sich bewegt, die uns einen neuen Blick auf Gewohntes oder Bekanntes ermöglicht. Ich sah Gruppen von Bäumen, die um einen alten Baumstumpf herum ringförmig herauswuchsen. Die Stämme überzogen von Moosen und Flechten. Regentropfen wurden vom Moos aufgesogen und durch die Nässe entstanden leuchtende Oberflächen. Eichen- und Birkengruppen standen ungeordnet nebeneinander. Es war ein Spiel von Dichte und Weite.
 Diese Ungeordnetheit ist typisch für den Siegerländer Hauberg, eine frühe regionale Form der Forstwirtschaft. 

Ich begann im Spätherbst bei feuchtem Wetter in diesen Waldbereichen zu fotografieren. Auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksmöglichkeit, einer neuen Sichtweise.
 In der Architektur arbeite ich meistens mit Weitwinkelobjektiven. Hier geht es darum, Gebäude in ihrer Gesamtheit zu erfassen und Räume aufgeweitet darzustellen. Die Dokumentation steht im Vordergrund.
 Für die Waldfotos wählte ich einen konzentrierten Blick um hervorzuheben, was mir bedeutend erschien: die Bildaussage auf das Wesentliche beschränken und Unbedeutendes ausblenden. Daraus entstand die erste Bildserie: "Dichterwald".
Danach versuchte ich, die für mich neue Vorgehensweise auf offene Landschaften zu übertragen. Es entstanden Bilder, welche nur auf dem ersten Blick wie normale Landschaftsaufnahmen wirkten, sich aber bei näherem Hinsehen in Schärfen und Unschärfen auflösten.  

Auf meiner weiteren Suche nach neuen Naturräumen entdeckte ich eine Flussaue an der Sieg. Es handelte sich um einen sich selbst überlassenen Naturraum, in dem sich dichtes Gestrüpp mit altem Baumbestand abwechselte. Ich tastete mich in einigen Wochen immer weiter hinein in dieses Dickicht und fotografierte irgendwann ohne eine genaue Vorstellung von dem, was als Ergebnis herauskommen sollte. Es war wie ein Eintauchen in verwobene Strukturen. Ich stellte mein Stativ in die feuchte Erde. Die kalte nasse Winterluft durchdrang meine Kleidung. Meine frierenden Finger am Fokus der Kamera, immer wieder drücke ich auf den Auslöser….. Die Resultate erstaunen mich immer noch.

Eine kurze Beschreibung des Siegerländer Haubergs:
 Die Geschichte des Haubergs begann schon im 16. Jahrhundert aus der Notwendigkeit heraus, eine nachhaltige Holzwirtschaft zu ermöglichen. Durch die Verhüttung von Eisen in Rennöfen und die große Menge von Holzkohle, die benötigt wurde, waren die Wälder zum größten Teil ausgebeutet worden. Der Niederwald mit Eichen und Birken war gut geeignet, um in 20 Parzellen und einem Zyklus von 20 Jahren ein Waldgebiet zu bewirtschaften. Die Bäume wurden gefällt und die Baumstümpfe stehen gelassen. Ohne neue Aussaat  wuchsen die neuen Bäume dem verbliebenen Wurzelwerk. Diese Hauberge gibt es vereinzelt heute noch; sie werden von Genossenschaften verwaltet.